Opernhaus Dortmund: La Traviata 

 JEDE NOTE ZÄHLT

….der Dirigent Will Humburg trifft den Nervenpunkt der Musik.

Verdis „La traviata“ gehört zu den weltweit populärsten Werken des Musiktheaters. Dass sie mehr zu bieten hat als nur Ohrwürmer einer romantischen Passion, dass schon hier und nicht erst im „Otello“ oder „Falstaff“ jede Note zählt, wird stets vergessen, weil der Theaterschlendrian alle Feinheiten und damit die dramatische Wahrheit der Partitur einebnet. Nicht so in der Dortmunder Neuinszenierung, in der mit Will Humburg ein Dirigent am Pult stand, der Verdis Musik radikal ernst nimmt. Er realisiert nicht nur, was dasteht (schon das entschieden ein Fortschritt gegenüber der üblichen Schlamperei), sondern auch – erst das ist Interpretation! –, warum es dasteht.

Das beginnt bei den Details der von Verdi aufs Genaueste bezeichneten Artikulation, bei Dynamik, Phrasierung und Tempo in ihrer stets gestischen Funktion, ja deklamatorischen Bedeutung und kulminiert in dem inneren Spannungsbogen, den Humburg über das Ganze der drei Akte wölbt. Was wir hören „atmet“, wirkt nie mechanisch und klingt selbst in den Wiederholungen nie gleich, denn dieser Dirigent geht nicht nur mit den Sängern, er beherrscht auch das Geheimnis jener minimalen Verzögerung von Takt und Schlag, die Verdis Formkunst erst lebendig und spannend macht.

Leicht nachvollziehbar ist das bei drei der bekanntesten Nummern. Das Trinklied gleich zu Beginn, eine der konventionellsten Formen der italienischen Opernromantik, wird hier zum Coup de foudre von Alfredo und Violetta – in einer Mischung aus überdrehtem Schwung und spielerischer Nonchalance, die Humburg mit federnder Prägnanz aus dem Walzer herauskitzelt. Ebenso raffiniert, in einer Mischung aus Atemlosigkeit und Innehalten, lässt er Anna Sohns Violetta sich in die virtuose Cabaletta ihrer großen Arie stürzen. Geradezu magisch freilich verwandelt sich unter seinem Röntgenblick Giorgio Germonts berühmt-berüchtigte Arie „Di provenza il mar, il sol“ in große Musik. Durch feinste agogische wie dynamische Rückungen verliert die scheinbar ausdruckslose Streicher-Begleitung ihren leiernden Charakter. Dass der Vater ein zweites Mal ansetzt, gehorcht weniger der Form des strophischen Couplets als der Verstocktheit des Sohnes, der die Suada nur als klebrig verlogene Moralpredigt wahrnimmt. Theatrale Wahrheit gewinnt die Arie – wie zuvor schon der Dialog, in dem Giorgio Violetta zum Verzicht ihrer Liebe zwingt – durch die beeindruckende szenische wie vokale Präsenz Mandla Mndebeles. Er zeigt den unbarmherzig die Moral der bürgerlichen Ordnung einfordernden Vater im beherrschten Gang, harscher Gestik und nuanciertester Stimmführung als zugleich erschreckende wie tragische Figur – Musiktheater in Vollendung!

Glänzend auch die dramatische Durchschlagskraft, die Humburg Verdis stets von der Szene, der Handlung wie der Psychologie der Figuren aus gedachten Musik entlockte – die pochende Erregung, mit der das Orchester das Kartenspiel der rivalisierenden Männer im dritten Bild begleitet; ihre Steigerung in der Konfrontation, wenn Alfredo Violetta beleidigt; schließlich die Kulmination der Spannung im abschließenden Concertato. Die letale Sinnlichkeit im wie ausgezehrt erlöschenden, das Ende schon antizipierenden Vorspiel zum letzten Akt, gar die Pianissimo-Ekstasen bei vollem Orchester, wenn der Tod sich in Des-Moll weich, aber unerbittlich zu Wort meldet, meint man noch nie so bis an die Grenzen des Hörbaren erlebt zu haben. (UWE SCHWEIKERT, OPERNWELT, 11/24)

… Denn es entsteigt dem Orchestergraben ein im wahrsten Sinne unerhörter Zauberklang. und das ausgerechnet bei Verdi, dem freiwillig unfreiwilligen Schlagerproduzenten (…). Aber da steht am Dirigentenpult der altersweise Will Humburg, den Ältere noch als jenen Feuerkopf kennen, der damals als Dirigent im Aalto-Theater zu Dietrich Hilsdorfs „Trovatore“ mächtige Feuerfunken schlug.

Überwältigend der Reichtum an Nuancen, feinsten Schattierungen, den Humburg mit Dortmunds exquisit aufspielenden Philharmonikern der Partitur entlockt; keine Wiederholung, die nicht eine dynamische Variation erfährt. Und es regiert ein Mut zum extremen Pianissimo wie zum nachtschwarzen Ausbruch, der den Genre-Maler Verdi zu durchdringen versteht vom zarten Seelenpastell bis zum monumentalen Panorama zerstörter Lebenswelten. Betörend gut! (LARS VON DER GÖNNA, WAZ, 17.9.24)

In dieser Eröffnungsproduktion der Oper Dortmund passt alles: (…) und Will Humburg als ein mit viel Körpereinsatz leidenschaftlich antreibender und die Partitur feinsinnig und differenziert auslotender Dirigent am Pult der exzellenten Dortmunder Philharmoniker. Schon der Beginn, den Humburg im sanften Pianissimo wie einen Trostklang aus dem Graben zaubert, hat etwas Magisches. (RUHRNACHRICHTEN, 9/24)

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